Diese Übung verbindet Mark Aurels Aufmerksamkeit für den gegenwärtigen Moment, Senecas Trostgedanken und das buddhistische Bild vom zweiten Pfeil.
Seelischen Schmerz in sechs kleinen Schritten verarbeiten
Halte für zwei Minuten an und benenne, was passiert ist.
Setz dich hin, stell beide Füße auf den Boden und sag dir leise einen einfachen Satz: Ich habe eine schwere Nachricht erhalten. Ich wurde verletzt. Ich habe jemanden verloren. Bleib bei den Tatsachen, ohne die ganze Geschichte auszumalen. Wenn dir Worte fehlen, schreib nur drei Stichworte in eine Notiz auf dem Handy.
Versorge zuerst deinen Körper für die nächsten drei Stunden.
Trink ein Glas Wasser, iss etwas Einfaches, dusch dich oder zieh dir frische Kleidung an. Schmerz kann den Körper wie betäubt oder unruhig machen, deshalb helfen sehr gewöhnliche Handlungen als Halt. Wähle nur eine Sache, die jetzt möglich ist, etwa einen Tee kochen oder zehn Minuten auf dem Balkon sitzen.
Trenne den ersten Schmerz von dem, was du ihm zusätzlich erzählst.
Im Buddhismus wird der zweite Pfeil als das Leiden beschrieben, das durch Gedankenschleifen hinzukommt: Was wird aus mir, warum immer ich, ich halte das nie aus. Schreib diese Sätze in eine linke Spalte. Daneben schreibst du: Das weiß ich heute noch nicht. So bestreitest du den Schmerz nicht, du gibst den Vorhersagen nur weniger Macht.
Begrenze deinen Horizont auf den heutigen Tag.
Mark Aurel richtet den Blick auf das, was gerade vor dir liegt. Frag dich: Was ist die nächste notwendige Handlung vor dem Abend? Vielleicht eine Person informieren, einen Termin absagen, einkaufen oder einfach ins Bett gehen. Mach diese eine Sache langsam und lass Entscheidungen über die Zukunft bis morgen liegen, sofern sie nicht dringend sind.
Sag einer vertrauten Person konkret, was du brauchst.
Schreib nicht nur, dass es dir schlecht geht. Bitte um etwas Greifbares: Kannst du heute Abend zehn Minuten zuhören? Kannst du mit mir spazieren gehen? Kannst du morgen nachfragen, ob ich gegessen habe? Senecas Trostbriefe erinnern daran, dass Trauer und Verlust in menschlichen Beziehungen getragen werden dürfen. Du musst dabei keine stimmige Geschichte erzählen.
Schließe den Tag mit einer kurzen, freundlichen Bestandsaufnahme.
Nimm vor dem Schlafen fünf Minuten Papier und vervollständige drei Sätze: Heute war schwer, weil …; Heute habe ich getan, was möglich war: …; Bis morgen darf warten: …. Das ist keine Bewertung deines Tages. Es ist eine kleine Grenze um die Nacht, damit der Schmerz nicht jede Stunde mit denselben Fragen füllt.