Nutzen, Vergnügen, Tugend: die drei Arten der Freundschaft und warum nur eine bleibt.
Aristoteles widmet der Freundschaft zwei ganze Bücher seiner Nikomachischen Ethik, Buch VIII und IX. Seine Kernthese: Es gibt drei Arten der Freundschaft, gegründet auf Nutzen, auf Vergnügen oder auf dem Guten im anderen, und nur die dritte hält ein Leben lang. Ohne Freunde, schreibt er, möchte niemand leben, selbst wenn er alle anderen Güter besäße.
Kernlehren
Ohne Freunde kein gutes Leben
Für Aristoteles gehört Freundschaft zum Glück selbst. Auch wer reich und mächtig ist, braucht Freunde: um Gutes tun zu können, um in schweren Zeiten nicht allein zu sein und um sich im anderen klarer zu sehen.
Schreib die Namen der Menschen auf, die du in einer schweren Woche anrufen würdest. Wann hast du ihnen zuletzt einfach so geschrieben?
Freundschaft braucht Zeit
Aristoteles zitiert ein Sprichwort: Man kennt einander erst, wenn man zusammen ein Maß Salz gegessen hat. Der Wunsch nach Freundschaft entsteht schnell, die Freundschaft selbst wächst langsam, durch gemeinsame Erfahrungen, ehrliche Gespräche und Verlässlichkeit über Jahre.
Melde dich diese Woche bei einem Menschen, der dir wichtig ist, ohne Anlass und ohne Bitte.
Freunde machen dich besser
Die besten Freundschaften bringen in beiden das Beste hervor. Ein Freund in diesem Sinn freut sich über dein Gutes und sagt dir ehrlich, wenn du dich verrennst, und du tust dasselbe für ihn.
Frag dich bei deinen engsten Beziehungen: Werde ich mit diesem Menschen eher der, der ich sein will? Und helfe ich ihm auf dieselbe Weise?
Die 3 Arten der Freundschaft nach Aristoteles
Im achten Buch der Nikomachischen Ethik fragt Aristoteles, warum Menschen einander überhaupt lieben. Seine Antwort: weil sie im anderen etwas Liebenswertes finden, und davon gibt es drei Sorten. Daraus ergeben sich drei Arten der Freundschaft.
Art
Worauf sie beruht
Wie lange sie hält
Nutzenfreundschaft
Man hat voneinander einen Vorteil: Kollegen, Geschäftspartner, die Nachbarin, die deine Pakete annimmt.
So lange wie der Nutzen.
Lustfreundschaft
Man hat Freude aneinander: am Humor, an einem gemeinsamen Hobby, an der Stimmung. Typisch, sagt Aristoteles, für junge Menschen.
So lange wie das Vergnügen.
Tugendfreundschaft
Man schätzt den anderen um seiner selbst willen, für den Menschen, der er ist.
Solange beide gut bleiben, oft ein Leben lang.
Die ersten beiden Arten sind keine schlechten Freundschaften. Aristoteles nennt sie Freundschaften, nur eben zufällige: Man liebt dabei am anderen vor allem das, was er einem bringt. Fällt das weg, endet meist auch die Freundschaft.
Die dritte Art ist selten, schreibt er, weil es wenige solche Menschen gibt und weil sie Zeit und Vertrautheit braucht. Dafür enthält sie die beiden anderen: Gute Freunde sind einander auch nützlich, und sie haben Freude aneinander.
„Ein Freund von jedem ist ein Freund von niemandem“: was Aristoteles meinte
Der Satz wird Aristoteles zugeschrieben. In genau diesem Wortlaut steht er nicht in seinen Schriften, der Gedanke aber fast wörtlich im neunten Buch der Nikomachischen Ethik: Wer mit sehr vielen Menschen eng verkehrt, gilt am Ende als niemandes Freund.
Seine Begründung ist nüchtern. Freundschaft heißt, Leben zu teilen: Zeit, Freude, Sorgen. Mit sehr vielen gleichzeitig geht das nicht, und wer es versucht, verteilt sich so dünn, dass bei keinem genug ankommt. Aristoteles vergleicht es mit einer Stadt: Zehn Menschen ergeben keine Stadt, hunderttausend sind keine mehr. Auch für Freunde gibt es eine Zahl, die passt, und für enge Freunde ist sie klein.
Heute trifft der Satz vielleicht noch genauer als damals. Hunderte Kontakte in sozialen Netzwerken sind Bekanntschaften, oft angenehme, im Sinne von Aristoteles aber keine Freundschaften. Die Frage, die er dir hinterlässt: Für wie viele Menschen hast du wirklich Zeit?
Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern
Diesen Satz überliefert Diogenes Laertios, der im 3. Jahrhundert die Leben der antiken Philosophen beschrieb. Auf die Frage, was ein Freund sei, soll Aristoteles geantwortet haben: eine Seele, die in zwei Körpern wohnt.
Er passt zu dem, was in der Nikomachischen Ethik steht: Der Freund ist ein anderes Selbst. Ein guter Freund will dein Gutes so, wie du es für dich selbst willst, teilt deine Freude und deinen Kummer und steht zu dir wie zu sich selbst. Das klingt nach Übertreibung und ist doch eine genaue Beschreibung: So fühlt sich eine Freundschaft von innen an, in der niemand mehr aufrechnet.
Was ist Freundschaft? Die Definition nach Aristoteles
Freundschaft ist nach Aristoteles gegenseitiges Wohlwollen, das beide Seiten kennen: Du wünschst dem anderen Gutes um seinetwillen, er wünscht es dir ebenso, und ihr wisst beide davon. Wohlwollen allein reicht nicht, man kann es auch Fremden entgegenbringen. Erst wenn es erwidert und bemerkt wird, entsteht Freundschaft.
Dazu kommt etwas, das in keiner Definition steht und bei Aristoteles doch überall: gemeinsames Leben. Freunde wollen Zeit miteinander verbringen, und was einem Menschen am meisten bedeutet, will er mit seinen Freunden tun. Die einen trinken zusammen, schreibt er, andere spielen Würfel, treiben Sport, gehen auf die Jagd oder philosophieren.
Aristoteles' Zitate über Freundschaft, mit Quelle
Die bekanntesten Sätze, sinngemäß übersetzt, mit der Stelle, an der sie stehen:
„Ohne Freunde möchte niemand leben, selbst wenn er alle anderen Güter besäße.“ Nikomachische Ethik, Buch VIII
„Der Wunsch nach Freundschaft entsteht schnell, die Freundschaft selbst nicht.“ Nikomachische Ethik, Buch VIII
„Man kennt einander erst, wenn man zusammen ein Maß Salz gegessen hat.“ Nikomachische Ethik, Buch VIII, als Sprichwort zitiert
„Der Freund ist ein anderes Selbst.“ Nikomachische Ethik, Buch IX
„Eine Seele, die in zwei Körpern wohnt.“ überliefert bei Diogenes Laertios, Buch V
„Ein Freund von jedem ist ein Freund von niemandem.“ zugeschrieben, sinngemäß nach Nikomachische Ethik, Buch IX
Wie findest du echte Freunde? Aristoteles' Rat für heute
Eine Anleitung schreibt Aristoteles nicht, aber aus seinen zwei Büchern über Freundschaft lässt sich eine ziemlich klare ableiten:
Tu regelmäßig mit anderen, was dir wichtig ist. Freundschaft entsteht beim gemeinsamen Tun: im Verein, im Chor, in der Laufgruppe, im Lesekreis. Einzelne Begegnungen reichen selten.
Gib ihr Zeit. Das Maß Salz lässt sich nicht an einem Abend essen. Rechne eher in Monaten als in Wochen.
Sei selbst der Freund, den du suchst. Für Aristoteles zieht Gutes Gutes an: Wer verlässlich, ehrlich und wohlwollend ist, findet eher Menschen, die es auch sind.
Unterschätze die leichteren Freundschaften nicht. Aus einer Freundschaft des Vergnügens, dem Kollegen, mit dem du lachst, der Nachbarin, mit der du gärtnerst, kann mit der Zeit mehr werden.
Wenige genügen. Wenige Menschen, mit denen du dein Leben wirklich teilst, sind nach Aristoteles mehr wert als viele Bekannte.
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Häufige Fragen
Was bedeutet „Ein Freund von jedem ist ein Freund von niemandem“?
Der Satz wird Aristoteles zugeschrieben und fasst einen Gedanken aus Buch IX der Nikomachischen Ethik zusammen: Wer mit sehr vielen Menschen eng befreundet sein will, kann keinem wirklich nahe sein, denn Freundschaft braucht Zeit, Aufmerksamkeit und gemeinsames Leben. Aristoteles rät deshalb zu wenigen engen Freunden, so vielen, wie man wirklich teilen kann.
Welche 3 Arten der Freundschaft gibt es nach Aristoteles?
Die Nutzenfreundschaft, in der man voneinander einen Vorteil hat, die Lustfreundschaft, in der man Freude aneinander hat, etwa am Humor oder an einem gemeinsamen Hobby, und die Tugendfreundschaft, in der man den anderen um seiner selbst willen schätzt. Die ersten beiden enden oft, wenn Nutzen oder Vergnügen wegfallen. Die dritte ist selten, braucht Zeit und hält.
Wer sagte „Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern“?
Der Satz wird Aristoteles zugeschrieben. Überliefert ist er bei Diogenes Laertios, der in seinen Lebensbeschreibungen der Philosophen berichtet, Aristoteles habe auf die Frage, was ein Freund sei, geantwortet: eine Seele, die in zwei Körpern wohnt.
Was ist Freundschaft laut Aristoteles?
Gegenseitiges Wohlwollen, das beide Seiten bemerken: Man wünscht dem anderen Gutes um seinetwillen, und der andere weiß es und erwidert es. Im vollen Sinn ist Freundschaft für Aristoteles eine Verbindung zweier guter Menschen, die einander im Charakter ähnlich sind und ihr Leben teilen.
Wie viele Freunde sollte man nach Aristoteles haben?
Nur so viele, wie man wirklich teilen kann. Eine feste Zahl nennt Aristoteles nicht, er vergleicht es aber mit einer Stadt, die zu klein oder zu groß sein kann. Mit vielen gleichzeitig kann man nach ihm nicht in vollkommener Freundschaft verbunden sein.
Wie findet man echte Freunde nach Aristoteles?
Durch Zeit und gemeinsames Tun. Aristoteles zitiert das Sprichwort, man müsse zusammen ein Maß Salz gegessen haben, um einander zu kennen. Echte Freunde findest du eher bei Menschen, mit denen du regelmäßig etwas teilst, das dir wichtig ist, und indem du selbst der Freund bist, den du dir wünschst.